Startseite
  Archiv
  Enron 2002 - Finanzkrise 2008
  Politisch korrekt
  Irrtümer über Krieg
  Anti-Nietzsche
  Tucholsky
  Kontakt
 

  Abonnieren
 



  Links
   Zu Technorati-Favoriten hinzufügen



http://myblog.de/tonikal

Gratis bloggen bei
myblog.de





Zarathustra in die Tonne! Eine Abrechnung zum 100. Todestag Friedrich Nietzsches (Sept. 2000)

Ist es nicht schrecklich, dieses pubertäre Gehabe angehender Übermenschen und ihrer begeisterten Jünger? Leider verfällt man (das Kind im Manne im Polemiker) fast unweigerlich in den gleichen krächzend-ungeschlachten Ton, wenn man das Kultbuch der Schützengrabenstudenten von Langemarck auch nur anpackt. Nun gut - werde, der du bist, und gib Gegengift!

Kann man Nietzsche auf sein Zarathustrabuch reduzieren? Jawohl, das kann man, denn es ist sein einziger Bestseller. Die zentralen Gedanken seiner späteren Werke "Jenseits von Gut und Böse" und "Zur Genealogie der Moral" hat er im "Zarathustra" bewusst populär-literarisch verdichtet und vorweggenommen. Wenn ich als Historiker das Phänomen Nietzsche untersuche, dann meine ich vor allem den Einfluss, den der Mann und sein Werk auf die Geschichte genommen haben - und der beruht vermutlich zu 80-90% auf seinem einzigen Bestseller.

(Vorwort, Jan. 2007)

Nietzsche nervt!

Er war größenwahnsinnig und egoman, seine Hybris kannte von Anfang an keine Grenzen. Schon mit 15 schrieb er lieber Autobiographien* als erst einmal zu leben. Im Herbst 1888 schrieb er dann Sachen wie: »Mein Loos will, daß ich der erste anständige Mensch sein muß.« »Ich habe mit ihm [meinem Werk] der Menschheit das größte Geschenk gemacht, das ihr bisher gemacht worden ist.«* Im Januar 1889 schrieb er an Jacob Burckhardt, er wolle zwar eigentlich lieber Professor in Basel sein als Gott, aber länger dürfe sein kleinlicher Egoismus der Neuerschaffung der Welt nicht im Wege stehen. Dieser Brief war der Anlass dafür, dass Friedrich Nietzsche in die Psychiatrie eingeliefert wurde. Ich aber mag es nicht, wenn sich jemand selbst zum einzigen anständigen Menschen, zum größten Wohltäter der Menschheit erklärt. Dass die Philosophen bis heute Nietzsche für seinen Größenwahn bewundern, kann ich mir nur damit erklären, dass sie selber gerne so größenwahnsinnig wären oder gewesen wären. Das könnte der Grund sein, der mir die Philosophen so suspekt macht.


Er hat sich mit großem Hallo selbst zum Propheten erklärt und dann auch noch geirrt. Was ich erzähle, ist die Geschichte der nächsten zwei Jahrhunderte, hat er irgendwo geschrieben*, und dann die »Heraufkunft des Nihilismus« angekündigt. Ich aber glaube, dass niemand wissen kann, was in 200 Jahren sein wird, und dass alle Prophezeiungen dieser Art falsch sind, wie auch Nietzsches es war. Denn wo ist sein Nihilismus geblieben? Leben wir jetzt in einer Zeit, in der die Menschen fast nichts mehr glauben, nichts mehr hoffen, nichts mehr lieben und nichts mehr hassen? Mir scheint, es ist nicht so. Manche glauben an Nietzsche, viele an den Markt; daran, dass freier Welthandel und kapitalistischer Wettbewerb alle Probleme der Menschheit lösen werden. Manche hoffen, dass die Gentechnik Altern und Tod besiegen wird. Leonardo und Kate lieben einander auf der Titanic, und Millionen seufzen mit ihnen. Serben hassen Albaner und Albaner hassen Serben. Es wird also geglaubt, gehofft, geliebt und gehasst wie eh und je. Leben wir in einer Zeit ohne Werte? Ich sehe Millionen Menschen, die an den Wert ihrer Aktien, Häuser, Autos glauben. Leben wir in einer lebensfeindlichen Zeit? Ich sehe eine Spaßgesellschaft, die das Leben liebt, so lange es Spaß macht. Da ist kein Nihilismus, und ich mag keine falschen Propheten.


Auch dies hat er vorausgesagt: Man wird nicht mehr arm und reich: beides ist zu beschwerlich. Wer will noch regieren? Wer noch gehorchen? Beides ist zu beschwerlich. Kein Hirt und eine Herde! Jeder will das Gleiche, jeder ist gleich: wer anders fühlt, geht freiwillig ins Irrenhaus. (Also sprach Zarathustra. Zarathustras Vorrede, 5) – In Wirklichkeit aber waren die Unterschiede zwischen Arm und Reich niemals größer als heute. In Wirklichkeit kam nach Nietzsche die Zeit der Weltkriege und Diktaturen: Da wurde befohlen und gehorcht wie nie zuvor. In Wirklichkeit sind heute fast alle stolz darauf, dass sie anders als die anderen sind und das ganz Andere wollen. Nietzsche hat sich geirrt, und ich mag keine falschen Propheten.


Er wollte Dynamit sein. Ich aber mag keine Explosionen, sie sind mir zu laut. Ich mag es nicht, wenn die Fensterscheibe über meinem Schreibtisch zerbirst, wenn gar meine Hände oder Füße abgerissen werden oder Splitter in meinen Körper eindringen.


Er hat Gott für tot erklärt, um sich selbst an dessen Stelle setzen zu können. Ich aber beharre darauf, dass Gott entweder unsterblich ist oder nie existiert hat; in beiden Fällen kann er nicht tot sein.


Er war keineswegs der Meister der Sprache, als der er uns verkauft wird, denn er hat schiefe Gleichnisse und Bilder gewählt. Über Zarathustra schrieb er, ...er wollte in Erfahrung bringen, was sich inzwischen mit dem Menschen zugetragen habe: ob er größer oder kleiner geworden sei. Und einmal sah er eine Reihe neuer Häuser; da wunderte er sich und sagte: »Was bedeuten diese Häuser? (...) Und diese Stuben und Kammern: können Männer da aus- und eingehen?« (...) Endlich sagte er betrübt: »Es ist alles kleiner geworden!« (Also sprach Zarathustra. Dritter Teil. Von der verkleinernden Tugend, 1) – In Wirklichkeit werden die Menschen aber immer größer. Als Männer noch in Höhlen aus- und eingingen, waren sie viel kleiner als zu Nietzsches Zeiten, und heute sind sie noch größer. Auch die Häuser werden immer größer. – Rund, rechtlich und gütig sind sie miteinander, wie Sandkörnchen rund, rechtlich und gütig mit Sandkörnchen sind. (Von der verkleinernden Tugend, 2) – In Wirklichkeit aber sind Sandkörnchen nicht rund, sondern spitzig und kantig. So gesehen, kommt das Gegenteil von dem heraus, was Nietzsche mit dem Vergleich sagen wollte. Ich halte dafür: Schiefe Bilder stehen meist für schiefe Gedanken. Wer in der Lage ist, stimmige Gedanken zu formulieren, ist auch in der Lage, stimmige Bilder dafür zu finden.


Er hat gegen die »kleinen Leute« gehetzt, die »Viel-zu-vielen«, die »Überflüssigen«, die »letzten Menschen«: Sie haben die Gegenden verlassen, wo es noch hart war zu leben: denn man braucht Wärme. (Also sprach Zarathustra. Zarathustras Vorrede, 5) – Er selbst aber brauchte sie auch, die Wärme, und zog trotz seines fatalen Hangs zum Hammer nicht nach Hammerfest, sondern ins wärmere Italien. Ich aber mag's nicht, wenn jemand sich verächtlich über Verhaltensweisen anderer äußert und dann selbst das gleiche tut.
Er hat gegen uns gehetzt: Sie wollen im Grunde einfältiglich eins am meisten: daß ihnen niemand wehe tue. (..) Dies aber ist Feigheit: ob es schon »Tugend« heißt. (...) Tugend ist ihnen das, was bescheiden und zahm macht: damit machten sie den Wolf zum Hunde und den Menschen selber zu des Menschen bestem Haustiere. (Also sprach Zarathustra. Dritter Teil. Von der verkleinernden Tugend, 2) – Auch ich will, dass mir niemand weh tut. Ich riskiere das zwar manchmal, so auch mit diesem Text, vergesse darüber aber nie, dass alles, was mir weh tut, schlecht ist. Dagegen finde ich es gut und schön, wenn Menschen schreiben, lesen und rechnen lernen. Wölfe können das nicht. Und Lehrerinnen, die sich in eine Klasse trauen, um den Kindern etwas beizubringen, finde ich mutig, nicht feige. Im übrigen mag ich es nicht, wenn mich jemand für überflüssig erklärt und zur Vernichtung freigibt.


Er hat für das antike Sparta geschwärmt, wo die Welt noch ordentlich eingeteilt war in Herrscher, Krieger, Bauern und Sklaven.* Ich aber weiß, dass ich in Sparta entweder schon als Säugling getötet worden oder Sklave geworden wäre. Nun, ich mag keine Welt, in der man mich nicht leben lässt oder versklavt.


Er hat die Frauen verachtet und erniedrigt: Das Glück des Mannes heißt: ich will. Das Glück des Weibes heißt: er will. (...) ...denn der Mann ist im Grunde der Seele nur böse, das Weib aber ist dort schlecht. (...) Und gehorchen muß das Weib und eine Tiefe finden zu seiner Oberfläche. Oberfläche ist des Weibes Gemüt, eine bewegliche stürmische Haut auf einem seichten Gewässer. / Des Mannes Gemüt aber ist tief... (Also sprach Zarathustra. Die Reden Zarathustras. Von alten und jungen Weiblein) – Ich aber liebe und achte die Frauen, schätze ihren Anteil an der Entwicklung der menschlichen Kultur hoch ein und bin überzeugt, dass der Menschheit viel Unheil erspart geblieben wäre, wenn die Frauen sich öfter gegen die Männer durchgesetzt hätten.


Er hat den Krieg verherrlicht wie so viele seiner Zeitgenossen: Ihr sollt den Frieden lieben als Mittel zu neuen Kriegen. Und den kurzen Frieden mehr als den langen. (...) Ihr sagt, die gute Sache sei es, die sogar den Krieg heilige? Ich sage euch: der gute Krieg ist es, der jede Sache heiligt. (Also sprach Zarathustra. Die Reden Zarathustras: Vom Krieg und Kriegsvolke.) – Der Mann soll zum Kriege erzogen werden und das Weib zur Erholung des Kriegers: alles andre ist Torheit. (Also sprach Zarathustra. Die Reden Zarathustras. Von alten und jungen Weiblein.) – Ich aber hasse den Krieg und alle Kriegstreiber. Die Menschen sind zum Leben, zum Lieben geboren und nicht zum Töten. Und entgegen einer weit verbreiteten Ansicht leben sie auch tatsächlich in neun von zehn Jahren, in neun von zehn Ländern einigermaßen friedlich zusammen; sie können das! Ich liebe Gustav Heinemann, der gesagt hat: »Der Frieden ist der Ernstfall, in dem wir uns bewähren müssen.«


Er hat die Herrschsucht verherrlicht als die Glüh-Geißel der härtesten Herzensharten... Herrschsucht: das Erdbeben, das alles Morsche und Höhlichte bricht und aufbricht; die rollende grollende strafende Zerbrecherin übertünchter Gräber; das blitzende Fragezeichen neben vorzeitigen Antworten. (Also sprach Zarathustra. Dritter Teil. Von den drei Bösen, 2) – Ich aber sehe die vorzeitigen Antworten von herrschsüchtigen Herrschern gesetzt und das Fragezeichen aufblitzen in den Köpfen und Händen derer, die Widerstand leisten.


Er hat die Härte gepredigt und zu seinen Jüngern gesagt: Wenn ihr das Angenehme verachtet und das weiche Bett, und von den Weichlichen euch nicht weit genug betten könnt: da ist der Ursprung eurer Tugend. (Also sprach Zarathustra. Die Reden Zarathustras. Von der schenkenden Tugend, 1.) – Ich aber bin weichlich (bekennendes Weichei), ich liebe das Angenehme und ganz besonders mein weiches Bett. Ich liebe Lao-tse, der gesagt hat: Das weiche Wasser bricht den Stein.


Ach Gott, er war ein Kind seiner schrecklichen Zeit: Militarismus, Nationalismus, Blut-und-Eisen-Kult, Frauenverachtung, Hass auf Sozialisten und Demokraten – den ganzen Schrott hat er von Bismarck, Wilhelm & Co. übernommen und philosophisch überhöht. Auch seine hochgelobte Kampfansage an die christlich-katholische »Sklavenmoral« fügte sich wunderbar in Bismarcks Kulturkampf gegen die Katholiken ein. Ich aber mag es nicht, wenn mir verderbliche Ware als ewiger Wert verkauft wird.


Er hat der Psychoanalyse das Tor aufgestoßen;* das immerhin dürfte seine – wie ich vermute: einzige – bleibende Leistung sein. Der Rest ist von Übel. Dass Nietzsches Kampf gegen Gleichheit, Brüderlichkeit und Menschenrechte heute wieder hoch gelobt wird, in einer Zeit, die dazu übergeht, den Wert eines Menschen nach seinem Aktienbesitz zu bemessen und Parlamentsbeschlüsse durch Vorstandsbeschlüsse zu ersetzen, das lässt Schlimmes befürchten und fordert mich zum Widerstand heraus. Dich hoffentlich auch!

*Rüdiger Safranski: Nietzsche (München 2000), nach Christoph Türcke: Was mich rettet, macht mich kaputt. Die Zeit 24.8.2000 (Literatur)
*Zitiert von Alain de Botton: Na also. Geht doch! Die Zeit 24.8.2000 (Leben). Wobei der Lobredner den Sätzen Nietzsches sogar ausdrücklich zustimmt!
*Zitiert von Thorsten Gödecker: Pechvogel der Philosophie. Vor 100 Jahren starb der Denker und »Antichrist« Friedrich Nietzsche. Neue Westfälische 25.8.2000. Auch dieser Lobredner stimmt dem Satz Nietzsches zu – dabei hat er vor Kurzem wahrscheinlich noch das Ende der Gewissheiten und Geschichtsdeutungen bejubelt.
*Bertrand Russell: Denker des Abendlandes. Eine Geschichte der Philosophie. Orig. London 1946. Bindlach 1996, S. 369
*Martin Burger: Der Entlarver hinter der Maske. Die Sprache der Seele in der Philosophie Nietzsches. Psychologie heute, Sept. 2000, S. 60-68

 

Toni Kalverbenden




Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung