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14 Irrtümer über den Krieg

Von Toni Kalverbenden (Dezember 2006) 

Aus Anlass der Totenschändungen in Afghanistan schrieb der Frankfurter Psychiater Iwailo Rogosaroff einen Beitrag über Krieg und Tod – mit dem paradoxen Titel »Krieg ist Leben« (FAS 5.11.2006). In der Einleitung sagt er: Die Triebtheorie, von Freud selber als „mythologisch“ bezeichnet, vermag also kaum Aufklärung über die im Dunkeln liegenden Ursachen des Krieges zu geben. Seine weiteren Zeilen legen die Einschätzung nahe, dass auch Rogosaroff selber einen Mythos verbreitet, der in 14 Irrtümer zerfällt.

1) Seit Menschengedenken haben wir nicht die Fähigkeit entwickeln können, Kriege zu vermeiden. Richtig ist: Wir, also die Menschheit, vermeiden Kriege fast immer. Zwar herrscht gerade in sechs oder sieben Ländern der Erde Krieg. Das bedeutet aber, dass in über 180 Ländern der Erde kein Krieg herrscht. Rogosaroff nennt selbst eine Statistik, die seine These widerlegt. Er schreibt: Zwischen 1945 und 2000 wurden etwa 12,5 Millionen Menschen in Kriegen getötet. Das bedeutet: Im gleichen Zeitraum starben, grob über­schlagen, etwa 1,8 Milliarden Menschen, also über hundert Mal so viele, auf friedliche Weise.

2) Irgendwann aber werden wir von Befehlshabern zu den Waffen gerufen... Richtig ist: In einer Demokratie werden wir, also die Bürger, nicht von Befehlshabern zu den Waffen gerufen. In einer Demokratie entscheidet das von uns gewählte Parlament über Krieg und Frieden.

3) ...von Befehlshabern..., die uns sagen, daß das Gewissen nicht mehr unser persönliches Gut sei, daß man es uns abnehme und daß wir auch von den üblichen zivilisatorischen Fesseln befreit seien. Der Punkt mit dem Gewissen stimmt, der andere stimmt nicht. Das Militär ist eine durch und durch zivilisatorische Einrichtung. Da gibt es feste, tradierte Formen und Strukturen, ein System aus Befehl und Gehorsam, Drill und Disziplin – früher sprach man sogar von „Manneszucht“. Das alles ist nicht Barbarei, sondern Zivilisation par excellence. Wohl nirgendwo sind die „Fesseln der Zivilisa­tion“ enger geschnürt als im Militär.

4) Sie erteilen den Auftrag, fremde Menschen ohne Erbarmen und ungestraft zu töten. Je mehr davon, desto besser. Richtig ist: Solche Befehle hat es in der Geschichte nur in wenigen Kriegen gegeben. In den weitaus meisten Kriegen lautete der Befehl, gerade so viele Menschen zu töten, wie unbedingt nötig erschien, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Schließlich wollten die Befehlshaber das eroberte Land mit seinen Bewohnern nachher noch nutzen können.

5) Wir fühlen uns dabei keineswegs entmündigt und sehen auch keinen Grund, dagegen zu revoltieren. Wer zum Teufel ist Wir? Ich zähle den 277. von diesen klebrigen Versuchen, die Leser eines Beitrags ungefragt und ohne empirischen Beleg in ein Kollektiv hineinzuzerren, das der Autor erfunden hat – eine Art journalistische Zwangskollektivierung. Rogosaroff betreibt sie bis zum Exzess. – Richtig ist: Vor dem I. Weltkrieg gab es zahlreiche Demonstrationen gegen den drohenden Krieg. Als der II. Weltkrieg ausbrach, gab es in keinem europäischen Land ein Fünkchen Kriegsbegeisterung – auch nicht in Nazideutschland. Es gab zwar auch keine Revolten, aber die Leute fühlten sich durchaus entmündigt und machtlos. Um amerikanische Soldaten in den Vietnamkrieg zu treiben, musste die US-Regierung als Vorwand einen militärischen Zwischenfall fingieren, den sog. Tonkin-Zwischenfall. So einfach, wie Rogosaroff hier suggeriert, ist das also nicht.

6) Wir geraten in kollektive Erregung, marschieren zur Front, riechen Blut, und ohne die Notwendigkeit, uns verteidigen zu müssen, töten wir hemmungslos, als wären wir von Sinnen. Wie Militär wirklich funktioniert, kann man z. B. bei Remarque (Im Westen nichts Neues) nachlesen oder bei Kubrick (Full Metal Jacket) nachschauen: Soldaten neigen von Natur aus dazu davonzulaufen, wenn ihnen Kugeln um die Ohren fliegen. Offiziere nennen dieses Phänomen den »inneren Schweinehund«. Das Tier in den Soldaten will also keineswegs hemmungslos töten, sondern es will weglaufen – wie alle anderen Tiere es auch tun. Um diesen »inneren Schweinehund« niederzukämpfen, unterziehen die Offiziere ihre Soldaten einem gnadenlosen Drill, brechen mit Brachialgewalt oder mit abgefeimten Psychomethoden den Willen der Soldaten, erniedrigen sie aufs Ekelhafteste – und erst dann, am Ende einer perversen Erziehung, sind sie so weit, dass sie lieber auf die Front zulaufen und schießen, als sich weiter von ihren Offizieren peinigen zu lassen. Die Wut, die sie dort abreagieren, richtet sich eigentlich gegen ihre Peiniger.

7) Rogosaroff spricht schließlich von unseren originären Motiven und Strebungen…, die in Kriegen jeden einzelnen von uns zum unerbittlichen Schlächter werden lassen. Jeden einzelnen von uns? Das ist nun eine offene und infame Lüge, denn Rogosaroff weiß ganz genau, dass es wahrscheinlich in jedem Krieg der Geschichte Kriegsdienstverweigerer, Deserteure und Meuterer gegeben hat.

8) Enthemmt von allen kulturellen und zivilisatorischen Schranken, mutieren wir in der Masse willig zu blutrünstigen Barbaren. Rogosaroffs These, es gebe einen angeborenen Trieb, andere Menschen massenhaft hinzuschlachten, ist zwar weit verbreitet, aber eindeutig falsch. Es ist eine historische Tatsache, dass Zahl und Grausamkeit der Kriege mit zunehmender Zivilisation und Weltbevölkerung nicht ab-, sondern stark zugenommen haben. Die vielen Kriege sind erst entstanden, als wir Menschen uns von unseren biologi­schen Ursprüngen, von unseren originären Motiven und Strebungen entfernt hatten, je weiter, desto mehr – von einigen Schwankungen abgesehen. Am wenigsten blutrünstig waren wir Menschen, als wir noch Barbaren waren.

9) Unser Leben ist stets auf sein letztes Ziel gerichtet: den Tod. Diese Behauptung kann man bestreiten. Viele Menschen – ich vermute: die meisten – richten ihr Leben entweder auf Pflichten und Genüsse vor dem Tod aus oder auf irgendeine Form des Weiterlebens nach dem Tod: Sie wollen weiterleben in Form von Kindern und Enkelkindern, in Form von vererbtem Besitz, in Form eines Unternehmens, in Form von Werken und Ideen oder als unsterbliche Seele im Himmel oder in der Hölle. Wer will wissen, ob der Moment, in dem das Leben endet, auch sein letztes Ziel ist?

10) …wir sehen im Tod die kunstvollen Hypothesen und Phantasien, die wir um unsere Freiheit gewebt haben, ad absurdum geführt. Eine merkwürdige These! Ich jedenfalls (und ich bin ein Teil dieses »Wir«-Subjekts) sähe meine Freiheit eher dann bedroht, wenn ich unsterblich wäre und auf ewig mit allen Folgen meines Handelns konfrontiert bliebe. Klar, ich kann jederzeit sterben; hindert mich das daran, bis dahin so zu leben, wie ich will? Dass andere Menschen das offenbar ähnlich empfinden, darauf verweist das populäre Motiv des »Tanzes auf dem Vulkan«: Die Hemmungen fallen, die Freiheit wächst, wenn man weiß, dass der Tod nahe ist. Und just nähern wir uns einem möglichen Motiv für grausame Exzesse, wie sie vereinzelt in Kriegen vorkommen: Gerade weil die Soldaten wissen, wie nah der Tod ist, gibt es diesen Impuls zur Hemmungslosigkeit; und wenn man keine sexuellen Orgien zur Verfügung hat, dann sucht man nach Orgien anderer Art. Das wäre aber ein Motiv, das der Krieg selbst produziert, und nicht, wie Rogosaroff glaubt, ein Motiv, das als Ursache dem Krieg vorausgeht.

11) Wir leben unseren Alltag so, als lebten wir für immer. Richtig ist: Umweltzer­störung, Überschuldung, Aids, Börsenspekulation, Zockerei, Rachefeldzüge, Selbstmord-Attentate… Alles das wird von Menschen gemacht, die so leben, als ob morgen schon alles vorbei wäre.

12) Tagtäglich werden wir im Fernsehen, im Kino, bei Computerspielen und in Comics mit Abertausenden Bildern von Toten überflutet. Auf diese virtuelle und verfremdete Weise versuchen wir, uns die eigene Vergänglichkeit nicht zu genau anzusehen. Diese Behaup­tung kann man bestreiten. Das »Wir« ist auf jeden Fall falsch, denn nur eine kleine Minderheit der Menschheit sieht sich täglich diese Bilder an. Wenn man genauer hinsieht, wer das ist, wird man vermutlich auf einen hohen Anteil männlicher Pubertierender und Jugendlicher stoßen. Viele von denen tun genau das Gegenteil von Rogosaroff: Sie spielen täglich mit dem Gedanken an den eigenen Tod. Dieser Gedanke liegt ihnen offenbar nahe, wahrscheinlich weil sie gerade eine Art Tod erleben: das Ende ihrer Kindheit.

13) Das Verfallen in eine archaische Raserei … scheint uns zu suggerieren, durch das Töten anderer den eigenen Tod tilgen zu können. Als Beleg verweist Rogosaroff darauf, dass deutsche Soldaten in Afghanistan aus Angst vor dem eigenen Tod Toten­schändungen begangen haben. Dieses Detail kann man anders deuten. Die Soldaten sind in keine »archaische Raserei« verfallen und haben niemanden getötet; sie haben sich stattdessen lachend zusammen mit Menschenknochen, also mit Todessymbolen, in der Hand fotografiert. Damit wollten sie suggerieren, dass sie den Tod in der Hand haben und über ihn lachen: eine drastische Form von Pfeifen im Walde. Ja, unter Umständen erfüllt auch ein Massaker diese Funktion, denn dabei haben die Mörder Leben und Tod ihrer Opfer in der Hand. Aber das wäre wiederum ein Motiv, das der Krieg selbst erzeugt, denn die Todesangst der Soldaten entsteht erst im und durch den Krieg.

14) So lange wir sterblich sind, so lange wird es Krieg geben. Prophezeiungen sind bekanntlich eine schwierige Sache, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen. Diese hier stelle ich unter Ideologie­verdacht: Es gibt eine Ideologie, die uns weismachen will, dass jeder Widerstand gegen den Krieg, dass Pazifismus sinnlos sei. Nicht zuletzt die Rüstungsindustrie lebt von dieser Ideologie. Krieg ist aber, wie oben gezeigt, schon jetzt eine seltene Ausnahme, und eine Ausnahme kann man auch noch seltener machen.

Toni Kalverbenden




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