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Tucholsky räumt auf (März 1999)


Ein weiteres rundes Jubiläum, diesmal das 80., ist verstrichen, und die einzige deutsche Revolution, die eine neue Staatsordnung hervorbrachte - die von 1918/19 -, blieb auch diesmal eine Sache der Parteihistoriker und Archivare. Hier soll sie zur Abwechslung unter einem literaturgeschichtlichen Aspekt angerissen werden. / Von Toni Kalverbenden

Im März 1919 erschien in der »Weltbühne« Kurt Tucholskys programmatischer Essay »Wir Negativen«, in dem er das Konzept einer moralischen deutschen Revolution entwarf und gleichzeitig der »Weltbühne« insgesamt ein Programm gab. Im gleichen Heft (Nr. 12 vom 13. 3. 1919) machte sich sein Homunculus Kaspar Hauser mit einem bittersüßen Liedchen über »Papa Ebert« und den Kompromiß her.

»Es wird uns Mitarbeitern der ›Weltbühne‹ der Vorwurf gemacht, wir sagten zu allem Nein und seien nicht positiv genug. Wir lehnten ab und kritisierten nur und beschmutzten gar das eigene deutsche Nest.« So beginnt der Essay, und die Vorrede behauptet, daß die »Weltbühne«-Autoren in den folgenden Thesen »innerlich zusammenstimmen, obwohl wir uns kaum kennen«. Ihr damals 29jähriger Sprecher schrieb 1919 rund ein Fünftel aller »Weltbühne«-Beiträge.
Tucholsky blättert kurz vier Kapitel seiner Zeit auf: Der Bürger. Der Offizier. Der Beamte. Der Politiker – um alle mit der rhetorischen Frage abzufertigen: »Und dazu sollen wir Ja sagen?« Zum Beispiel der Bürger: »Dieses deutsche Bürgertum ist ganz und gar antidemokratisch, dergleichen gibt es wohl kaum in einem andern Lande... Sie nehmen alles hin, wenn man sie nur verdienen läßt.« Zum Beispiel der Offizier: »Es war die infernalische Lust, den Nebenmenschen ungestraft zu treten, es war die deutsche Lust, im Dienst mehr zu scheinen, als man im Privatleben ist, das Vergnügen, sich vor seiner Frau, vor seiner Geliebten aufzuspielen, und unten krümmte sich ein Mensch. (...) Die übelsten Instinkte wurden in entfesselten Bürgern wachgerufen, gab ihnen der Staat die Machtfülle eines ›Vorgesetzten‹ in die Hand.« Was Tucholsky hier meinte, waren die Verbrecher des ersten Weltkrieges, nicht des zweiten; Hindenburgs willige Vollstrecker, nicht Hitlers. Ähnlichkeiten verweisen auf Kontinuitäten, und der Antimilitarist spießte mit sicherem Griff ein zentrales Motiv auf, das Goldhagen unterschätzt hat.

Haß auf den Bürger als Kaufmann

Tucholskys Haß auf den Bürger als Kaufmann tritt noch mehrfach auf den Plan: »Alles darfst du: die gefährlichsten Forderungen aufstellen, in abstracto, Bücherrevolutionen machen, den lieben Gott absetzen – aber die Steuergesetzgebung, die machen sie doch lieber allein. (...) Sie riechen förmlich, ob sich deine Liebe und dein Haß mit ihrem Kolonialwarenladen verträgt, und tun sies nicht: dann Gnade dir Gott!« Und weiter: »Der unbedingten Solidarität aller Geldverdiener muß die ebenso unbedingte Solidarität der Geistigen gegenüber stehen.« Es geht gegen Bürger, die »schachern«, »in Cliquen und Klüngeln schieben« – alles Vokabeln, die auch von den Antisemiten gerne benutzt wurden. Die unpassende Verknüpfung von Geldverdienen, Liebe und Haß nährt den Verdacht, daß Tucholsky hier noch ein Hühnchen mit seinen Eltern zu rupfen hatte, dem jüdisch-berlinischen Bankkaufmann nebst Gattin.
Tucholskys trotzig-naives Wort zur Nachkriegszeit 1919 hätte auch Gültigkeit für die nächste Nachkriegszeit gehabt: Es regen sich Stimmen, »die dem Deutschen einzureden versuchen, es werde, wenn er nur billige Ware liefere, sich Alles einrenken lassen. Das wollen wir nicht! Wir wollen nicht mehr benutzt sein... Wir wollen geachtet werden um unsrer selbst willen.« Um das zu erreichen, »müssen wir zunächst zu Haus gründlich rein machen. Beschmutzen wir unser eigenes Nest? Aber einen Augiasstall kann man nicht beschmutzen...« Ein Satz, zur Aufnahme in den Zitatenschatz des linken Journalismus empfohlen.

Die Flamme des Ideals

Tucholsky weigert sich ausdrücklich, konkrete politische Vorschläge zu machen. Stattdessen predigt er »die rechte Redlichkeit«, »eine anständige Gesinnung«, »die Flamme des Ideals«. Diese aber soll nicht am Sternenhimmel, »sie muß hinieden brennen: brennen in den Kellerwinkeln, wo die Asseln hausen, und brennen auf den Palastdächern der Reichen, brennen in den Kirchen... und brennen bei den Wechslern, die aus ihrer Bude einen Tempel gemacht haben.« Wer aber hatte diese schönen Eigenschaften? Wer war das Subjekt der moralischen Revolution?
Das sollten wohl die Tucholskys sein, die »Geistigen«, die »Anderen«: »Feudale und Händler raufen sich um den Einfluß im Staat, der in Wirklichkeit ihnen Beiden unter der Führung der Geistigen zukommen sollte.« Nicht etwa den Arbeitern und Bauern unter Führung der Partei. – »Wenn wir Anderen – die wir hinter die Dinge gesehen haben... – keinen Exekutor unsrer geistigen Gesinnung haben, so sind wir verdammt, ewig und auch fürderhin unter Fleischergesellen zu leben...« Im Dezember 1919 präzisierte Tucholsky den Führungsanspruch seiner geistigen Elite – in einem Beitrag über die damals diskutierte Sozialisierung der Presse: »Ich will aus dem dienenden Redakteur einen herrschenden Volkserzieher machen.« Doch in seinem Silvester-Gedicht musste der selbsternannte Lehrer der Nation feststellen: »Schau, sie sind kaum zu belehren. / Denken nur merkantil. / Halten den Noske in Ehren...« Als einen Monat später die Mörder Liebknechts und Luxemburgs unter dem Beifall der bürgerlichen Presse faktisch freigesprochen wurden, wuchs seine Verzweiflung über das Volk, den großen Bengel (Heine): »Ich resigniere. Ich kämpfe weiter, aber ich resigniere... Pathos tuts nicht und Spott nicht und Tadel nicht und sachliche Kritik nicht. Sie wollen nicht hören.«
Tucholsky verzweifelte, weil die »Fleischergesellen«, die er auch als »kurzstirnige Tölpel und eisenharte Bauernknechte« beschimpft hatte, sich lieber an Führer hielten, die sie als »Arbeiter der Faust« hochlobten. Sein volkserzieherischer Anspruch stand ohnehin in einem merkwürdigen Gegensatz zu seinem beruflichen Selbstverständnis als Satiriker und seiner Weigerung, sich konkreten politischen Forderungen anzuschließen. »Politische Satire steht immer in der Opposition. (...) Der politische Witz ist ein respektloser Lausejunge«, schrieb er im Oktober 1919. Was wollte er sein: Lehrer oder Lausejunge? Führer oder Opposition? Das Publikum jedenfalls nahm ihn lieber als Lausejungen.

Das Lied vom Kompromiß

»Manche tanzen manchmal wohl ein Tänzchen / immer um den heißen Brei herum, / kleine Schweine mit dem Ringelschwänzchen, / Bullen mit erschrecklichem Gebrumm.« Und dann singen sie, »die Schwarzen und die Roten«: »Schließen wir ’nen kleinen Kompromiß! / Davon hat man keine Kümmernis. / Einerseits – und andrerseits – / so ein Ding hat manchen Reiz...«
Tucholskys »Lied vom Kompromiß« erklang in der gleichen »Weltbühne«-Ausgabe. »Rechts wird ganz wie früher lang gefackelt, / links kommt Papa Ebert angewackelt« – wie es aussah, wenn rechts nicht mehr lang gefackelt wurde, hatte sich im Januar 1919 bereits angedeutet. Das Kompromisseln mit dem Sattler-Präsidenten endete übrigens mit der endgültigen Niederlage der deutschen Arbeiterbewegung 1923. Danach stand auch Papa Ebert zum Abschuß frei.
»Seit November tanzt man Menuettchen, / wo man schlagen, brennen, stürzen sollt. / Heiter liegt der Bürger in dem Bettchen...« Das war es wohl hauptsächlich, was den Möchtegern-Bürgerschreck und rebellierenden Kaufmannssohn fuchste. Man hat dem Lied später vorgeworfen, es habe mit dem Kompromiß einen Eckstein der Demokratie verworfen. Der Vorwurf trifft nicht recht, denn das Lied entstand in einer Revolution, als es tatsächlich darum ging – oder hätte gehen sollen –, kompromißlos Schluß zu machen mit den alten Kräften und dem »Geist von 1914«. Außerdem war es kein politisches Programm, sondern der Streich eines satirischen Lausejungen, und Kompromisse vertragen sich nicht mit Satire.
Nach germanistischer Definition konfrontiert der Satiriker die Norm seines Gegenstandes mit einer eigenen, höher bewerteten Gegennorm. Die Satire bläst ihren Gegenstand auf und entstellt ihn, um das Publikum auf die Seite der Gegennorm zu ziehen. »Norm« ist hier schwach gesagt – Tucholsky tat’s nicht unter Liebe und Haß. »Wir wollen kämpfen mit Haß aus Liebe«: Haß auf Kriegsverbrecher und Kriegsgewinnler, »Liebe für die Unterdrückten«. Eine Ausgabe später legte er nach: »Und das Buch ›Der Untertan‹ [von Heinrich Mann]... bestätigt uns, daß Liebe, die nach außen in Haß umschlagen kann, das Einzige ist, um in diesem Volke durchzudringen, um diesem Volke zu helfen, um endlich, endlich einmal die Farben Schwarz-weiß-rot, in die sich verrannt haben wie die Stiere, von dem Deutschland abzutrennen, das wir lieben, und das die Besten aller Alter geliebt haben.«

Liebe ist ein gefährlich Ding. »Ich liebe doch alle...«, waren Stasi-Mielkes letzte Worte an »sein« Volk.




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