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Politisch korrekt von links nach rechts
Von Toni Kalverbenden (Dezember 2006)

Der Begriff »politisch korrekt« ist in verhängnisvoller Weise verdreht, weil er ein linkes Anliegen (Gleichberechtigung, Schutz vor Diskriminierung) mit rechten Mitteln (Zensur und Selbstzensur) verknüpft. Historisch können wir beobachten, wie die rechten Mittel das linke Anliegen überlebt haben und jetzt für rechte Anliegen zur Verfügung stehen, z. B. die Diktatur der Konzernherren. Als der Begriff Anfang der 1990er Jahre aufkam, war es »nicht politisch korrekt«, davon zu sprechen, dass Frauen im Gegensatz zu Männern Kinder kriegen können, oder dass ein Gelähmter nicht das Matterhorn besteigen kann, oder dass blaue Augen angeboren sind; jetzt ist es »nicht politisch korrekt« (bzw. »ewig gestrig«, »ideologisch verblendet« usw.), höhere Steuern für Reiche oder höhere Löhne zu fordern oder die sozialen Menschenrechte der Arbeiter und Angestellten zu verteidigen.

In einer Debatte kam der Einwand, jeder könne selbst entscheiden, was er für korrekt oder für nicht korrekt hält. Dieser Eindruck täuscht, denn »Korrektheit« ist in seiner Wortbedeutung ein autoritäres Kriterium: Wenn man wissen will, ob ein Wort korrekt geschrieben ist, schlägt man im Duden nach – man befragt also eine höhere Instanz. Wenn man wissen will, ob ein Amtsgericht ein Gesetz korrekt ausgelegt hat, schaut man nach, wie ein Landgericht oder ein Oberlandesgericht in einem ähnlichen Fall entschieden hat. Der autoritäre Charakter des Wortes schwingt immer mit, wenn man das Wort verwendet. In Wirklichkeit denkt jeder, der sich fragt, ob sein Verhalten »politisch korrekt« war, nicht an seine persönlichen Maßstäbe, sondern an das mutmaßliche Urteil gewisser Autoritätspersonen; er fragt sich im Stillen (und sei es auch nur ironisch), was seine Lehrerin, sein Pfarrer oder sein kluger Kollege dazu sagen würde.

Die schädliche Wirkung des Begriffes hat sich in drei Phasen entwickelt, die zunächst ähnlich widersprüchlich erscheinen, wie der Begriff selbst verdreht ist.

In der ersten Phase hat er das selbständige politische Denken der Linken paralysiert, indem er sie daran gehindert hat, sich klar und deutlich auszudrücken. Man durfte z. B. nicht mehr von Frauen und Männern sprechen, vom Frauenproblem, von Frauenbewegung, Frauenbefreiung, Emanzipation der Frau usw., auch nicht mehr von Geschlechterrollen, sondern nur noch von »Gender«. Das Konkrete (z. B. Männer verprügeln Frauen) wurde durch ein Abstraktum verdrängt, das bis heute niemand allgemeinverständlich definieren konnte. Wer nicht mehr von Frauen sprechen kann, kann auch nicht mehr von der Unterdrückung der Frauen sprechen – und muss sich nicht wundern, wenn jüngere Frauen kein Bewusstsein mehr von ihrer eigenen Unterdrückung oder Benachteiligung als Frauen haben.

In der zweiten Phase hat die Tyrannei der im Begriff mitgedachten höheren Instanz bei den Linken selbst den subversiven Wunsch ausgelöst, sich von den eigenen linken Grundsätzen zu »befreien«, die ihnen plötzlich als lächerlich antiquierte Dogmen erschienen. Das geschah zunächst da, wo soziale und ökologische Grundsätze unbequem sind oder einen Verzicht auferlegen: Verzicht auf dickes Auto, auf Flugreisen, auf Häuslebauen, auf Karriere, auf Aldi-Computer, Tchibo-Fernseher usw. Ach, wie war das plötzlich anarchisch geil, als man wieder wie jeder hinterletzte Spießer mit BMW und Tempo 200 über die Autobahn brettern konnte, nur um zu dokumentieren, dass man sich von seinen eigenen Dogmen befreit hatte!

In der dritten Phase haben die Konservativen das von den Linken verlassene Territorium besetzt, und es ist ihnen gelungen, ihre Mission, die Abschaffung der Demokratie, die Rückkehr zum autoritären Spätfeudalismus, als Befreiungsmission zu verkaufen. Doch auch diese Phase hatte ihren eigenen Widerspruch: Erst wurde in einem scheinbaren Befreiungsakt die »Diktatur der 68er-Dogmen« hinweggefegt, dann aber rettete man ausgerechnet das autoritäre Instrument dieser »Diktatur«, die Instanz der »Korrektheit«, und stellt sie in den Dienst der reaktionären Agenda: Nun war es auf einmal unkorrekt und geradezu verwerflich, wenn Frauen immer noch ihre »Selbstverwirklichung« über ihre heilige Aufgabe als Ehefrau und Mutter stellten; wenn Gewerkschafter den schnöden Feierabend und ein läppisches Gehaltsprozent der Monteure und Verkäuferinnen wichtiger fanden als ihre heilige Pflicht, Opfer für die vaterländischen Behauptung im globalen Wettbewerb zu bringen; oder wenn Journalisten sich weigerten, im dritten Weltkulturkrieg die Hacken zusammenzuschlagen und dümmliche Karikaturen nachzudrucken, die den frech gewordenen Moslems endlich mal zeigen, wo der Hammer hängt.

Bleibt die in der Debatte aufgeworfene Frage, ob wirklich ein Begriff solche Wirkungen entfalten kann, oder ob der Begriff nicht bloß ein Schattenriss gesellschaftlicher Entwicklungen ist. Bei Licht gesehen ist die Frage unerheblich. Es ist eine historische Tatsache, dass die Entwicklung, von der wir sprechen, von diesem Begriff repräsentiert wird und von keinem anderen. Der Erfolg, das heißt: die weite Verbreitung des Begriffs »(nicht) politisch korrekt« ist ein Zeichen dafür, dass gerade dieser Begriff die ihm zugrunde liegende Entwicklung am schärfsten zuspitzt. Insofern können wir die Beziehung zwischen Figur und Schattenriss umdrehen: Indem wir den Begriff untersuchen, erfahren wir etwas über die Entwicklung.

Im Übrigen:
Fische fängt man mit Angeln, Leute mit Worten. (Deutsche Redensart)
Mit Worten läßt sich trefflich streiten. (Johann Wolfgang Goethe)
Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort. / Sie sprechen alles so deutlich aus… (Rainer Maria Rilke)
Worte können sein wie winzige Arsendosen: sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da. (Victor Klemperer)
Das Jawort, das Passwort, das gute Wort, das jemand für dich einlegt, / das Machtwort, das Schlagwort, das rechte Wort, das jemand fand, / das Sprichwort, das Suchwort, das liebe Wort aus süßem Mund – / sie alle sprechen von der Macht der Worte. (Alois Katzlhuber)




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